Kopfschmerzen: Vom persönlichen Leid zum Kostenfaktor

Kopfschmerzerkrankungen sind bei unzähligen Betroffenen für großen persönlichen Leidensdruck verantwortlich. Wie sehr Migräne, Kopfschmerz vom Spannungstyp (‚Spannungskopfschmerz‘) oder auch Kopfschmerz durch Medikamenten-Übergebrauch das Leben beeinträchtigen können, haben wir in diesem Blog schon öfter beleuchtet (siehe dazu zum Beispiel diesen Artikel).

Kopfschmerzerkrankungen sind aber auch ein bedeutender volkswirtschaftlicher Faktor. Sie ziehen vielfältige Folgen nach sich, die nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch die Ökonomie der gesamten Gesellschaft betreffen.

Nervliche Erkrankungen steigen weltweit an

Für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rangieren Kopfschmerzerkrankungen ganz oben unter den Krankheiten, die den Menschen am stärksten behindern und beeinträchtigen. Tatsächlich schätzt die neueste Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur weltweiten Krankheitsbelastung der Menschheit (die sogenannte „Global Burden of Disease Study“) gerade Erkrankungen, die unsere Nerven betreffen, insgesamt als größte Belastung weltweit ein. Demnach liegen solche Krankheiten hinsichtlich der weltweit durch sie verursachten Krankheitslast noch vor denen des Herz-Kreislauf-Systems, obwohl diese oft als das vorherrschende Gesundheitsproblem auf dem Globus angesehen werden.

Nervliche Erkrankungen betreffen Menschen auf der ganzen Welt, nicht nur uns Europäer:innen oder die sogenannte ‚westliche Welt‘. Etwa ein Drittel der Weltbevölkerung hat darunter zu leiden, so die Erkenntnisse der WHO. Die Anzahl von drei Milliarden weltweit Betroffenen ist dabei wesentlich höher, als man bislang angenommen hatte. Auch die Gesamtentwicklung auf diesem Gebiet ist besorgniserregend: Die Befunde deuten darauf hin, dass die durch nervliche Erkrankungen verursachten Behinderungen, Krankheiten und vorzeitigen Todesfälle in den vergangenen 31 Jahren weltweit um 18 Prozent gestiegen sind.

Kopfschmerzen – eine ‚Volkskrankheit‘

Den Löwenanteil an den insgesamt 37 untersuchten Erkrankungen des Nervensystems machen Kopfschmerzen vom Spannungstyp (etwa zwei Milliarden Fälle) und Migräne (etwa eine Milliarde Fälle) aus. Als Gründe für das Grassieren dieser beiden Kopfschmerzerkrankungen nennt die Untersuchung einerseits das Wachstum und die Alterung der Weltbevölkerung und andererseits die zunehmende Belastung durch Gefahrenquellen aus der Umwelt und dem persönlichen Lebensstil.

Auch in Deutschland die Nummer eins

Auch in Deutschland führen Kopfschmerzerkrankungen die Krankheitsliste an: Nach Studien der Kieler Schmerzklinik sind rund 54 Millionen Menschen betroffen. Die häufigsten Formen sind demnach auch hier Spannungskopfschmerz (38,3%) und Migräne (27,5%), beide zusammengenommen stehen für etwa 92% aller Kopfschmerzen. Betrachtet man die Gesamtbevölkerung, so haben deutschlandweit etwa 71% der Einwohner:innen im Laufe ihres Lebens mit Kopfschmerzen zu tun. Man geht davon aus, dass jeden Tag etwa 900.000 Menschen eine Migräneattacke erleiden. Ungefähr 100.000 von ihnen sind dadurch nicht in der Lage, ihrer Arbeit nachzugehen.

Der Gründer der Kieler Schmerzklinik, Neurologe Prof. Dr. Hartmut Göbel, gibt außerdem zu bedenken, dass Kopfschmerzen und Migräne in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen haben. Dies gelte sowohl für deren Häufigkeit als auch die Schwere der Attacken. Die Gründe dafür, so der Schmerzexperte, könnten im sogenannten ‚modernen Lebensstil‘ liegen. Unser heutiger Alltag bedeutet eine enorme und stetig steigende Beanspruchung unseres Nervenkostüms: Infolgedessen kommt es immer öfter an seine Belastungsgrenze. Besonders fatal: Obwohl die Notwendigkeit für Behandlungen steige, müsse man davon ausgehen, dass in Europa nur etwa 20 Prozent der Betroffenen – also gerade einmal jede/r fünfte – mit der Erkrankung überhaupt ärztlich versorgt werde, so Göbel. Mehr noch: Stattdessen behandle man Kopfschmerzen vielfach mit „wissenschaftlich ungesicherten, unkonventionellen Therapien“, was die Missstände unter Umständen noch verschärft.

Die Kosten von Kopfschmerz am Beispiel einer Klinik

Die große gesamtgesellschaftliche Kopfschmerz-Belastung hat auch enorme volkswirtschaftliche Folgen, wie unterschiedliche Erhebungen zeigen. Eine Untersuchung an einem großen schweizerischen Universitäts-Krankenhaus beispielsweise wirft ein Schlaglicht auf die Kosten, die durch Kopfschmerzerkrankungen im laufenden Betrieb einer Klinik entstehen. Die Autor:innen berichten, dass mehr als 60% der Klinikmitarbeiter:innen im untersuchten Quartal unter Kopfschmerzen litten. Durch erkrankungsbedingte Abwesenheit und beeinträchtigte Arbeitsleistung entstanden für jede:n Betroffene:n etwa 10 Fehlzeitentage im Jahr. Die damit verbundene wirtschaftliche Belastung für das Klinikum wird mit nahezu 10 Millionen Euro auf mehr als 3% der gesamten jährlichen Personalkosten beziffert.

Großes Leid, enorme Kosten

Wenn Kopfschmerzbetroffene keine angemessene, vorbeugende Aufklärung erhalten und ein zutreffender ärztlicher Befund sowie eine passende Behandlung ausbleiben, greifen viele zur Selbstbehandlung. Schätzungen gehen davon aus, dass jeden Tag etwa drei Millionen Deutsche zu diesem Zweck Kopfschmerztabletten einnehmen. Neben der Gefahr der Entwicklung eines Medikamentenübergebrauchskopfschmerzes (mehr dazu in diesem Artikel) entstehen dadurch wirtschaftliche Kosten in Milliardenhöhe. Allein für die Schmerzbehandlung bei Migräne mithilfe verschriebener oder frei verkäuflicher Medikamente werden Kosten in Höhe von 150 bis zu 500 Millionen Euro jährlich angenommen.

Kopfschmerzen zählen zu den häufigsten Gründen für kurzfristige Arbeitsunfähigkeit. Allein die durch Migräne verursachten Fehltage pro Jahr in Deutschland entsprechen der Jahresarbeitszeit von 185.000 Vollerwerbstätigen. Das verursacht geschätzte Kosten von 3,5 Mrd. Euro. Bei den Arbeitnehmer:innen, die trotz Beschwerden zur Arbeit erscheinen, geht man davon aus, dass die Einschränkung ihrer Arbeitskraft mit weiteren drei Mrd. Euro zu Buche schlägt.

Die Gesamtkosten von Kopfschmerz werden für Deutschland auf etwa 27 Mrd. Euro pro Jahr veranschlagt, EU-weit betragen sie ungefähr 170 Mrd. Hinzu kommt der Produktivitätsverlust unbezahlter Arbeit im Haushalt, in der Kindererziehung oder auch in der Pflege Angehöriger. Außerdem besteht eine erhebliche Gefahr für Begleiterkrankungen. Man hat ermittelt, dass beispielsweise bei Migränepatient:innen die Wahrscheinlichkeit für Depressionen und Angsterkrankungen bis zu siebenfach, für Beschwerden des Herz-Kreislauf-Systems bis hin zum Herzinfarkt auf etwa das Doppelte erhöht ist (zu Begleiterkrankungen von Kopfschmerz und Migräne siehe diesen Artikel).

Die unsichtbare Kopfschmerz-Geißel

Widersprüchlich ist, dass Kopfschmerzerkrankungen trotz ihrer enormen Verbreitung und Schwere vielfach nicht ausreichend behandelt werden. Weniger als 20% der Betroffenen werden ärztlich versorgt, und nicht einmal jede:r zehnte Betroffene bekommt angemessene Vorbeugemaßnahmen angeboten. Neben den genannten wirtschaftlichen Folgen steigt damit auch das Leid der Patient:innen. Denn eine mögliche Folge eines nicht oder unkorrekt behandelten Kopfschmerzes ist, dass er sich in immer kürzer werdenden Abständen wiederholt. Man spricht dabei von der sogenannten Chronifizierung. Schmerzepisoden treten immer öfter auf und verstetigen sich schlimmstenfalls zum Dauerzustand. Chronischer Kopfschmerz bedeutet einen einschneidenden Verlust an Lebensqualität. Betroffene können ihren Alltag nicht mehr bewerkstelligen und leiden in der Folge nicht selten auch unter sozialer Ausgrenzung.

Weil Kopfschmerzen von außen nicht sichtbar sind, werden sie trotz ihrer zunehmenden Verbreitung häufig immer noch als Kleinigkeit abgetan, mit der man irgendwie leben müsse. Der Schmerz, den etwa eine Migränepatientin während wiederkehrender, schwerer Attacken empfindet, lässt sich für ihr Umfeld kaum nachvollziehen. Auch die Folgen für das persönliche Leben in Beruf, Familie, Freizeit und schließlich die Gesellschaft im Ganzen sind nicht unmittelbar sichtbar.

Was lässt sich nun gegen diese lautlose Massenerkrankung unternehmen? Unser Wissen um die Entstehung von Kopfschmerzerkrankungen sowie die Daten zur Krankheitslast und den entsprechenden wirtschaftlichen Folgen werden immer umfangreicher. Und auch hinsichtlich der Vermeidung und Behandlung der unterschiedlichen Kopfschmerzarten ist die Forschung in letzter Zeit beeindruckend vorangeschritten. Dieses Wissen bedarf der beharrlichen Umsetzung. Kopfschmerz muss zukünftig eine gewichtige Rolle in der Gesundheitsversorgung spielen.

Geeignete Maßnahmen: Behandlung und Vorbeugung

Betroffenen ist eine angemessene ärztliche Betreuung zu ermöglichen, damit sich persönliches Leid und soziale sowie wirtschaftliche Kosten nicht vervielfältigen. Außerdem sollte man mithilfe nachhaltiger Aufklärung wo immer möglich dem Entstehen von Kopfschmerzen zuvorkommen. Wir wissen, dass ein Teil der Kopfschmerzbelastung auf Umstände unserer modernen Lebensführung zurückzuführen ist. Deshalb ist auch klar, wo man ansetzen kann, um kopfschmerzbegünstigende Umstände im Alltag zu verringern. Verhaltensbasierte Vorbeugung bei Migräne und Spannungskopfschmerz – und damit auch bei Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch – senkt die Anzahl und Schwere von Kopfschmerzattacken merklich. Dieser Zusammenhang ist inzwischen vielfach belegt.

Hierfür ist ein individuelles Verständnis der eigenen Kopfschmerzart vonnöten. Auch braucht es das Wissen um die nachhaltige Umsetzung passender Maßnahmen in der Lebensgestaltung. Aufgeklärte Patient:innen können viel mehr gegen ihre Kopfschmerzen tun als gemeinhin angenommen. Dadurch lassen sich nicht nur das persönliche Leid, sondern auch die gesamtgesellschaftlichen Kosten der Kopfschmerzen nachhaltig senken.

  • Quellenangaben
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