Migräne und Depression: gibt es gemeinsame Ursachen?

Zwei Erkrankungen, die schon seit langem für das Leid vieler Menschen verantwortlich gemacht werden, sind Migräne und Depression. Migräne ist eine eigenständige neurologische Kopfschmerzerkrankung, mit der wir uns in diesem Blog regelmäßig beschäftigen. Bei Depression handelt es sich hingegen um eine psychische Erkrankung, die mit trüben Stimmungen, Interessen- und Antriebsverlust sowie mit dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit verbunden ist. Die Erkrankung gehört zu den sogenannten „Affektstörungen“, also solchen der seelischen Befindlichkeit, und verläuft häufig in Schüben.

Bedauerlicherweise kommen diese zwei Erkrankungen relativ oft gemeinsam vor, sodass viele Migränebetroffene zusätzlich mit einer depressiven Erkrankung zu kämpfen haben und umgekehrt.

Die Forschung beschäftigt sich schon länger mit der Tatsache, dass beide Krankheitsbilder gehäuft bei denselben Patient:innen oder im Kreis ihrer Verwandten auftreten. Daher liegen inzwischen erste Erklärungsansätze vor. Unter anderem wird untersucht, ob es gemeinsame Ursachen oder Entstehungswege für diese Erkrankungen geben könnte. Diese sowie mögliche Auswirkungen für die Kopfschmerzprävention werden wir in diesem Beitrag beleuchten.

Migräne: weit verbreitet und oft mit Begleitung

Die Angaben dazu, wie viele Menschen insgesamt an Migräne leiden, sind nicht ganz einheitlich. Verschiedenen Untersuchungen zufolge betrifft Migräne zwischen 14 und 20 Prozent der Bevölkerung. Neuere Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) sprechen von einer „1-Jahres-Prävalenz“ (der Anteil von Menschen, bei denen Migräne innerhalb eines Jahres mindestens einmal auftritt) der Migräne, die zwischen 10 und 15% liegt. Schon lange ist bekannt, dass bei dieser weit verbreiteten Erkrankung Erbfaktoren eine Rolle spielen. Inzwischen wissen wir von mehr als 100 Genen, also Abschnitten auf unserem Erbgut, in denen kleine Veränderungen bestehen, die zur Entstehung der Krankheit beitragen können.

Es ist schon eine Weile bekannt, dass Migräne häufig gemeinsam mit anderen Erkrankungen auftritt. Einige sogenannte Begleiterkrankungen, oder „Komorbiditäten“, der Migräne haben wir schon in früheren Artikeln diskutiert wie zum Beispiel Bluthochdruck, Epilepsie, und Schlaganfall. Seit Jahren gibt es Hinweise aus der Forschung, dass Migräne auch mit Erkrankungen im seelischen Bereich in Verbindung zu stehen scheint. Hierzu gehören unter anderem Depressions- und Angsterkrankungen – zwei Erkrankungen, unter denen mit ca. 8% (Angststörungen) bzw. 12% (Depression) ein erheblicher Anteil der Bevölkerung leidet. Zudem gilt es inzwischen als erwiesen, dass sowohl Migräne als auch Depression das Risiko für die jeweils andere Erkrankung erhöhen. Daher treten sie gehäuft gemeinsam auf. Man spricht in diesem Zusammenhang von einem „bidirektionalen“, also in beide Richtungen wirksamen Verhältnis. Solche Verbindungen gibt es vor allem dann besonders oft, wenn gemeinsame biologische Ursachen bestehen.

Erbgutveränderungen im Brennpunkt

Für diese möglichen gemeinsamen Ursachen konnten schon etliche Hinweise gefunden werden. Vor allem die Vererbungslehre (Genetik) spielt in der Forschung zu diesem Gebiet eine wesentliche Rolle. Sie entdeckte eine Vielzahl von Veränderungen im menschlichen Erbgut, alle mit unterschiedlichen Wirkungen. Einige beeinflussen die zentralen Vorgänge in der Schmerzübertragung und -wahrnehmung. Andere wiederum sind an der Steuerung des Blutkreislaufs und entzündlichen Prozessen im Nervensystem beteiligt oder wirken auf die Bildung und Verteilung von regulierenden Botenstoffen.

Durch die schiere Anzahl der Forschungsergebnisse zu diesem Thema in den letzten Jahren konnten inzwischen einige Zusammenhänge aufgeklärt werden. Offenbar spielt eine Vielzahl an Erbgutveränderungen sowohl bei der Migräne als auch bei Depression eine maßgebliche Rolle. Eine einzige verantwortliche Ursache konnte für die gemeinsame Erscheinung dieser Erkrankungen hingegen nicht ausgemacht werden – es ist vielmehr stets eine Vielzahl an Genen, also Abschnitten auf unserem Erbgut, beteiligt.

Gemeinsame Wegmarken beim Krankheitsgeschehen

Die Übersichtsarbeit einer Forscher:innengruppe aus Polen bietet einen umfangreichen Einblick zu den Botenstoffen und weiteren Substanzen, die für beide Krankheitsgeschehen relevant sein könnten. Einige Beispiele schauen wir uns im Folgenden einmal an.

1. Signale im Nervensystem:

Im Gehirn gibt es einige Botenstoffe, die Signale im zentralen Nervensystem übertragen. Man nennt sie Neurotransmitter. Einer dieser Botenstoffe, das Serotonin, ist bei Menschen mit Depression weniger verfügbar als bei Menschen ohne diese Erkrankung. Interessanterweise ist zudem bekannt, dass ein Mangel an Serotonin auch die Schmerz-Signalübertragung beeinflussen kann. Dies wiederum kann Migränepatient:innen beeinträchtigen, denn die Empfindlichkeit bei der Schmerzwahrnehmung steigt dadurch an. Diese Gemeinsamkeit ist durch Veränderungen in der Erbsubstanz erklärbar. Bei beiden Erkrankungen fand man Veränderungen in einem Gen, das für die Herstellung eines Eiweißstoffes verantwortlich ist. Dieser ermöglicht den Transport von Serotonin in die Zellen. Eine Fehlfunktion an dieser Stelle könnte sich also auf beide Erkrankungen auswirken.

2. Entzündungs-Botenstoffe:

Dem Molekül CGRP (Calcitonin gene-related peptide) weist man seit einiger Zeit eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräneattacken zu. Dies haben wir bereits in einem früheren Beitrag beleuchtet. CGRP ist eine Substanz, die unsere Blutgefäße erweitern kann. Damit hilft sie, einen ausreichenden Blutfluss und damit eine gute Versorgung des Gehirns zu gewährleisten. Allerdings ist CGRP auch an der Entstehung und Steuerung von Entzündungsprozessen beteiligt – zwei Umstände, die immer wieder als Auslöser von Migräne-Attacken beschrieben werden. Auch in Tiermodellen für Depression konnte erhöhtes CGRP aufgespürt werden, was ebenfalls auf einen ursächlichen Zusammenhang hindeutet.

3. Hormone:

Auch das weibliche Geschlechtshormon Östrogen könnte bei beiden Erkrankungen beteiligt sein. Es ist bekannt, dass dieses Hormon für eine Reihe von Wirkungen auf die Reiz- und Informationsübertragung im Nervensystem verantwortlich ist. Dies ist vor allem mit Blick auf Serotonin und Noradrenalin interessant. Beide Botenstoffe sind nachweislich sowohl in der Entstehung von Depression als auch in der Schmerzleitung von Bedeutung. Die Schmerzleitung wiederum spielt bei der Migräne eine zentrale Rolle. Eine Überschneidung der Krankheitsauslöser liegt auch hier im Bereich des Möglichen.

4. Umweltfaktoren wie Stress:

Schon lange ist klar, dass Stress – und vor allem Dauerstress – bei der Entstehung einer Migräne entscheidend sein kann. Über den Zusammenhang zwischen diesen Faktoren haben wir bereits in diesem Artikel berichtet. Stress gilt als einer der wirksamsten Auslöser von Migräne-Attacken überhaupt und sollte bei der Vorbeugung stets im Blick behalten werden. Wenn Stress sich immer weiter verstärkt und schlimmstenfalls zum Dauerzustand wird, kann sich auch die Migräne zu einer dauerhaften (chronischen) Erkrankung entwickeln. Eine Verbindung zu Krankheiten des depressiven Formenkreises scheint auch hier zu bestehen: Stresszustände können bekanntermaßen sowohl körperliche als auch seelische Auswirkungen haben, die ihrerseits oft zur Verschlimmerung oder gar Verstetigung einer Depression führen.

5. Vererbung:

Die Veranlagung für beide Erkrankungen wird durch Erbsubstanz beeinflusst. Inzwischen hat man hierzu Untersuchungen an eng verwandten Menschen wie beispielsweise Zwillingen durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass Verwandte von Migränebetroffenen ein erhöhtes Risiko hatten, eine Depression zu entwickeln. Auch umgekehrt gab es bei Verwandten von Depressionspatient:innen ein erhöhtes Risiko, an Migräne zu erkranken. Interessanterweise waren diese Ursachenzusammenhänge bei eineiigen Zwillingen ausgeprägter als bei zweieiigen. Zusammengenommen deuten diese Untersuchungen darauf hin, dass es gemeinsame Erbfaktoren gibt, die für eine Verbindung zwischen Migräne und Depression relevant sein könnten.

Nichts ist unausweichlich

Obgleich diese Erkrankungen miteinander verbunden sind, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass alle Migränepatient:innen auch an Depression erkranken müssen. Vor allem, wenn man sich eingehend mit der eigenen Migräneerkrankung beschäftigt, gibt es viele Möglichkeiten, Attacken zu vermeiden oder zumindest abzumildern. Besonders wirksam ist es, wenn man seine persönlichen Migräne-Auslöser identifiziert und lernt, mit ihnen umzugehen, um ihnen letztlich ein Stück ihrer Wirksamkeit zu nehmen. Wichtig ist es auch, sich in kompetente ärztliche Behandlung zu begeben. Allein die Gewissheit, dass man den Herausforderungen einer Migräne-Erkrankung nicht allein begegnen muss, ist für die meisten Betroffenen ein enormer Schritt nach vorn. Mithilfe unserer Medien können die Betroffenen zur „Expert:in“ in eigener Sache werden und aktiv gegen Kopfschmerzen angehen. Unsere Webseite „Kopfschmerzwissen“ macht die wichtigsten Informationen zugänglich, und die App bietet darüber hinaus wertvolle Hilfestellung im Alltag. So gewinnen Migränebetroffene immer stärker die Kontrolle über ihr Krankheitsgeschehen zurück – und sind damit möglicherweise auch ein Stück weit gegen depressive Momente gerüstet.

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