Kopfschmerz-Mythen, Teil 3

Wer unter Kopfschmerzen leidet, hat vermutlich schon erfahren: Gut gemeinte Ratschläge gibt es viele. Doch nicht jeder Rat hält der Prüfung durch die Wirklichkeit stand. Wir nehmen in diesem Blog immer wieder gängige Kopfschmerz-Mythen in den Blick und prüfen, was aus wissenschaftlicher Sicht wirklich dran ist. Hier kommt die dritte Folge unserer Reihe.

Mythos Nr. 7: Bestimmte Lebensmittel können Migräneattacken auslösen

  • Nicht erwiesen.

Manchen Lebensmitteln, beispielsweise Schokolade, Käse oder Nüssen, wird nachgesagt, Migräneattacken auszulösen.

Diese Annahme muss als weitgehend ungesichert gelten. Zwar beschreiben viele Menschen, vor einer Migräneattacke etwa einen Heißhunger auf Schokolade zu verspüren, dem sie dann oft auch nachgehen. Doch dies ist nicht der eigentliche Auslöser (‚Trigger‘) der Migräne-Kopfschmerzen. Die unbändige Lust nach Süßem ist vielmehr schon ein Anzeichen der Migräne, genauer gesagt: ein Vorbote der Attacke. Prof. Dr. Hartmut Göbel, Schmerzklinik Kiel, beschreibt es folgendermaßen:

Migräneattacken entstehen, wenn im Gehirn ein Energiemangel vorliegt (mehr dazu in diesem Artikel). Wenn die Migräneattacke bereits im Entstehen ist, versucht das Gehirn noch über einen Schutzmechanismus durch Heißhunger den drohenden Engpass auszugleichen. Schokolade ist hier besonders beliebt, daher bekam sie den Ruf als typischer Auslöser von Migräneattacken. So wenig ein Heißhunger auf Rollmops die Ursache einer Schwangerschaft sei, sondern ein Anzeichen für die besondere Situation, so wenig sei der Heißhunger auf Schokolade die Ursache der Migräne, sondern ebenfalls Teil der Erkrankung, so der Kopfschmerz-Experte Göbel.

Nach allem, was man heute über die Zeitspanne kurz vor der Attacke weiß, ist diese Einschätzung zum Auftreten von Hunger- vor den Migräne-Attacken einleuchtend. Auch wenn die Migräneforschung beeindruckend voranschreitet, versteht man bis heute nicht alle Abläufe, die zum Entstehen einer Migräneattacke beitragen, vollständig. Den Einfluss unserer Ernährung bei diesen Vorgängen genau zu erforschen, ist dabei eine besonders schwierige Angelegenheit (siehe dazu diesen Artikel).

Es gibt etliche Untersuchungen, in denen der Nachweis gerade nicht gelang, dass bestimmte Lebensmittel etwa Migräneattacken herbeiführen können. Dennoch zählt ein erheblicher Teil von Migräne-Betroffenen bestimmte Speisen oder Getränke zu ihren ganz persönlichen Triggern. Und genau hier liegt das Problem eines wissenschaftlichen Nachweises: Jede Person ist anders. Zudem unterliegen unser körperlicher und mentaler Zustand ständigen Veränderungen. Das macht es so gut wie unmöglich, eine Gruppe von Versuchsteilnehmer:innen genau in der gleichen Verfassung einer bestimmten Maßnahme auszusetzen und die dabei erzielten Ergebnisse unter streng wissenschaftlichen Bedingungen zu bewerten. Anders gesagt: An manchen Tagen vertragen wir das Glas Sekt bei einer Feier problemlos, bei anderer Gelegenheit haben wir anschließend mit Kopfschmerzen zu kämpfen. Daraus allgemeine Gesetzmäßigkeiten und Verhaltensregeln ableiten zu können, ist praktisch ausgeschlossen.

Kopfschmerz-Betroffene sollten Berichte von Leidensgenoss:innen, wann und wovon diese vermeintlich ‚untrüglich‘ Kopfschmerzen bekommen, mit Vorsicht beurteilen. Solche wahrgenommenen Verkettungen können trügerisch sein. Falls sie denn überhaupt bestehen, sind sie sehr auf die Person bezogen. Es gilt unbedingt zu vermeiden, entsprechende Erfahrungen zu verallgemeinern. Eingebildete Trigger führen schnell zu einer großen Belastung im Alltag der Betroffenen, wenn diese ihr Leben danach ausrichten. Diese Art von Stress in der ‚perfekten‘ Alltagsgestaltung zur Trigger-Vermeidung ist der Migräne-Vorbeugung nicht zuträglich.

Nach aktuellem Forschungsstand und den weitreichenden Erfahrungen der medizinischen Praxis ist der verlässliche Ansatzpunkt im Zusammenhang Ernährung und Migräne die konsequente Vermeidung von Energiedefiziten im Gehirn.

Mythos 8: Alkoholarten zu mischen verursacht einen Brummschädel

  • Stimmt so nicht (wurde sogar wissenschaftlich untersucht).

Alkohol ist ein Klassiker unter den als Kopfschmerz-Auslöser bekannten Substanzen. Eine der vielen Vorgehensweisen, um trotz Alkoholkonsum keine Kopfschmerzen zu bekommen, ist, beim Trinken bei einer bestimmten Alkoholsorte zu bleiben, also nicht etwa Wein auf Bier oder Bier auf Wein zu trinken. Wissenschaftler:innen der Universität Witten/Herdecke haben untersucht, wie sich die Reihenfolge der zu sich genommenen Getränke auf einen Kater auswirkt, ihn also etwa verhindert oder verändert. Um dies zu testen, ließ man 90 Erwachsene verteilt auf drei Gruppen sich bei zwei verschiedenen Anlässen kontrolliert betrinken.

In der ersten Gruppe tranken die Teilnehmenden Pils bis zu einem Blutalkoholwert von 0,5 Promille, dann wechselten sie auf einen Weißwein, bis die Alkoholwerte in der Atemluft einen Stand von mindestens 1,1 Promille anzeigten. Zu einem späteren Zeitpunkt wurden die Proband:innen erneut zum Trinken eingeladen, an diesem Testtag nahmen sie die Getränke in umgekehrter Reihenfolge zu sich.

In der zweiten Gruppe bekamen die Teilnehmenden erst Wein und danach Bier zu trinken. Auch sie tauschten am zweiten Testtag die Reihenfolge. In der dritten Gruppe blieben die Proband:innen beim gleichen Getränk, tranken also entweder nur Wein oder nur Bier. Sie bekamen dann am zweiten Testtag das jeweils andere Getränk.

War bei den Teilnehmenden die erwünschte Promillegrenze erreicht oder überschritten, wurden sie mit einem Trinkwasservorrat ins Bett geschickt und am nächsten Morgen zu ihrem Kater befragt. Dazu wurde eine wissenschaftlich anerkannte Messmethode, die sogenannte „Acute Hangover Scale“ (AHS), benutzt. Die Resultate: Am Morgen nach dem Rausch lag der AHS-Wert in allen Gruppen auf einer annähernd gleichen Stufe. Nachweisbare Unterschiede zwischen den Gruppen waren bei keinem der Testverläufe vorhanden, weder nach dem ersten noch nach dem zweiten Testtag. Kurz gesagt: Die Teilnehmenden fühlten sich ähnlich übel. Es spielte offenbar keine Rolle, ob sie am Tag zuvor erst Bier und dann Wein getrunken hatten oder umgekehrt.

Damit war klar: Allein Übelkeit und Trunkenheitsgefühl seien Gradmesser für den zu erwartenden Kater am nächsten Morgen. Die Reihenfolge der aufgenommenen alkoholischen Getränke hingegen sei eher ohne Bedeutung. Demnach hängt auch die Stärke des Kater-Kopfschmerzes nicht davon ab, welches Getränk am Vorabend zuerst getrunken wurde, sondern – einfach gesagt – davon, wie tief man ins Glas geschaut hat.

Was aber am Alkoholkonsum löst dann Kopfschmerzen aus, wenn nicht die Reihenfolge der Getränke? Vermutlich sind mehrere Faktoren am Entstehungszusammenhang beteiligt. Einen davon sehen Expert:innen in der harntreibenden Wirkung des Alkohols, der zu einer Entwässerung des Körpers führt. Flüssigkeitsmangel bedeutet für das Gehirn einen echten Versorgungs-Engpass, der Kopfschmerzen deutlich begünstigt.

Mythos 9: Bei Kopfschmerzen ist Bettruhe immer das Beste

  • Stimmt nicht immer.

Manche Menschen nehmen an, dass bei Kopfschmerzen Bettruhe immer die beste Medizin sei. Das kann man so nicht grundsätzlich unterschreiben, denn es kommt auf die vorliegende Kopfschmerzart an.

Bei Migräneattacken können Ruhe und Dunkelheit die Symptome lindern. Oft ist strikte Bettruhe für die Betroffenen die einzige Möglichkeit, die starken Schmerzen und Überempfindlichkeiten gegenüber äußeren Reizen (Licht, Lärm, Gerüche) irgendwie aushalten zu können. Auch ist generell erholsamer Schlaf zur Vorbeugung von Migräne sehr wichtig. Anders sieht es aus bei der häufigsten Kopfschmerzart, dem Kopfschmerz vom Spannungstyp (‚Spannungskopfschmerz‘). Bei seiner Entstehung spielen Stress und sehr oft auch ein bewegungsarmer Alltag eine Rolle. Deshalb ist in diesem Fall leichte Bewegung an frischer Luft die bessere Wahl. Wenn sich eine Spannungskopfschmerz-Attacke ankündigt, lässt sie sich etwa durch einen Spaziergang im Freien oft noch erfolgreich abwenden. Sind die Kopfschmerzen bereits da, werden sie mithilfe der Bewegung meistens schnell besser.

Auch in der Vorbeugung von Spannungskopfschmerzen sind Sport und Bewegung sehr wirksame Maßnahmen. Treibt man im Alltag regelmäßig Sport, baut das Stress und Anspannung ab und bringt den Bewegungsapparat in Schwung. So lässt sich Kopfschmerzattacken wirksam vorbeugen. Das gilt auch für die Migräne. Besonders bei der Migräne ist es aber wichtig, sich sportlich nicht zu überfordern. Lieber treibt man zwei- bis dreimal die Woche einen Sport, der einem guttut, und traniert sich lansgsam hoch, als dass man plötzlich einen Halbmarathon läuft.

  • Quellenangaben
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