Entschleunigung bremst den 
Kopfschmerz aus

„Alles auf einmal tun zu wollen, zerstört alles auf einmal.“
Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), deutscher Physiker

Kopfschmerz – bei Stressgeplagten an der Tagesordnung

In einer Untersuchung aus dem Jahr 2018 wurden Kopfschmerzpatienten befragt, welche Ereignisse sie als häufige Auslöser von Schmerz erleben. Drei Viertel der Befragten nannten Stress an erster Stelle, gefolgt von den Angaben „unregelmäßige Mahlzeiten“ und „nicht genug Trinken“. Diese Angaben bestätigen die Beobachtung von Ärzten und Sozialwissenschaftlern, wonach die Zahl der Menschen, die unter stressbedingten Gesundheitsproblemen wie Kopfschmerzen leiden, in den vergangenen Jahrzehnten massiv zugenommen hat. Dem Stress als Erscheinung in Beruf oder Freizeit widmet auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) besondere Aufmerksamkeit. Die WHO nennt die Folgen von Stress sogar die größte Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts. Daher scheint es klar zu sein, dass die Verlangsamung aller Lebensvorgänge, eine ‚Entschleunigung‘, dem entgegenwirken und stressbedingte Gesundheitsgefahren verringern kann.

Was alle gemeinsam haben: keine Zeit

Jeder empfindet es anders, doch der Umstand ist überall der gleiche: Zeitknappheit und innere Unruhe nehmen in unserem Alltag zu. Viele Menschen klagen über Zeitdruck und Stress. Auch haben sie zunehmend Angst, in vielen Bereichen kaum noch mithalten zu können. Wir erleben eine allgemeine Beschleunigung des Lebenstempos. Diese Entwicklung beschränkt sich nicht auf den beruflichen Bereich, sondern erfasst mehr und mehr auch das Private und selbst unsere Freizeit. Die bestmögliche Nutzung der Zeit ist zu einer allgemeinen Pflichthaltung geworden. Wer sich dem entzieht, muss sich in zunehmendem Maß rechtfertigen.

Ständig im Laufschritt

Weit verbreitet ist der Glaube, man spare Zeit, indem man immer mehr in einen Tag hineinpackt. Das gilt sowohl in der Arbeitswelt als auch in der Freizeit. Für ein vorgesehenes Ergebnis wird immer weniger Zeit veranschlagt. Das sogenannte ‚Speed Dating‘, das man ursprünglich von Partneragenturen kennt, ist inzwischen in den unterschiedlichsten Arbeits- und Lebensbereichen anzutreffen. Längst gibt es das beispielsweise bei Informationsveranstaltungen, Messen oder Jobbörsen. Im Minutentakt werden Informationen ausgetauscht, Gedrucktes und Gesprochenes wechseln rasant zwischen den TeilnehmerInnen hin und her. Die zusätzliche Erhöhung des Lebenstempos zieht eine weitere Zeiterscheinung nach sich, die vielen LeserInnen als ‚Multitasking‘ bekannt sein dürfte.

Multitasking – praktisches Werkzeug oder Hirngespinst?

Bei diesem Vorgang werden mehrere Handlungen gleichzeitig ausgeführt. Multitasking galt zeitweise als ideales Mittel, wenn es um die Erhöhung der Leistungsfähigkeit ging. Diese Sichtweise hielt sich allerdings nur so lange, bis man sich in wissenschaftlichen Untersuchungen daran machte, mithilfe freiwilliger TeilnehmerInnen die tatsächlichen Auswirkungen dieser Arbeitsweise zu betrachten. Mehrere Erhebungen kamen zu ernüchternden Resultaten. So kamen in einem Fall ausgerechnet die in Sachen Multitasking weniger Erfahrenen mit den gestellten Aufgaben besser zurecht als die vorher sorgsam ausgewählten ‚Multitasker‘. Letzteren fiel es schwerer, wichtige von unbedeutenden Informationen zu unterscheiden. „Sie sind ständig abgelenkt“, so ein mitverantwortlicher Wissenschaftler über die angeblich besonders geeigneten TeilnehmerInnen.
Der Neurowissenschaftler Henning Beck formulierte es einmal so: „Multitasking ist für das Gehirn ein Ding der Unmöglichkeit. Da kann man noch so viel üben.“ Wenn wir also beispielsweise gleichzeitig telefonieren und eine E-Mail lesen, dann erledigt das Gehirn dies genau genommen dadurch, dass es ständig zwischen beiden Tätigkeiten hin- und herwechselt. Was eigentlich Zeit sparen soll, verkehrt sich allerdings ins Gegenteil, wie Beck sagt: „Zeit sparen wir nicht damit. Denn wir machen keine der Tätigkeiten richtig. Das Hin- und Herspringen ist für unser Gehirn zu aufwendig. Wir können das messen: Beim Multitasking steigen die Fehlerraten, und wir verschwenden Energie.“ Kein Wunder, dass der Wille, viele Aufgaben zugleich erledigen zu wollen, Kopfschmerzen verursacht, weil unser Gehirn überfordert ist.

Einen Gang zurückschalten hilft

Viele klagen angesichts der Rastlosigkeit, die unser Leben angenommen hat, über gesundheitliche Probleme. Diese zeigen sich in Form von wiederkehrenden Kopfschmerzen genauso wie in nachlassender Konzentrationsfähigkeit oder Magenbeschwerden. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind als Stressfolgen nachweisbar. Allen Beschwerden gemeinsam ist die Ursache, nämlich der Dauerstress – gelegentlich fremdverursacht, oft jedoch hausgemacht. Dort liegt auch der Schlüssel zur Genesung. Er lautet: zurückschalten, Druck vermindern, Überlastung vermeiden.

Mit einfachen Schritten kann man beginnen, die Herrschaft über die Zeit zurückzugewinnen. Schon bei der Planung von Arbeitsumfang und -ablauf kann man beginnen. Dabei sollte man die Zeitpläne für anstehende Projekte so gestalten, dass sie mit vernünftigem Aufwand umsetzbar sind. Angesichts der Erkenntnisse zum Thema Multitasking sollte man vermeiden, mehrere Vorhaben zugleich anzugehen. Regelmäßige Pausen gehören dabei ebenfalls zum Arbeitsablauf und sind keine Zeitverschwendung, sondern wertvolle Rückzugsräume.

Auch in der Freizeit kann man mit kleinen Veränderungen spürbar für Entspannung sorgen. Nicht jede Wartezeit muss zwingend mit dem Abrufen von Emails auf dem Smartphone gefüllt werden. Unser Gehirn ist dankbar, wenn es vom digitalen Stress des Dauerfeuers aus Fotos, Videos, Nachrichten und Belanglosem verschont bleibt. Überdies der Appell: Öfter mal rausgehen! Ein kurzer Aufenthalt an der frischen Luft, der Spaziergang im Park, eine zu Fuß erledigte Besorgung – all das trägt zur Entspannung bei und macht im Wortsinn ‚den Kopf frei‘ – auch frei von Kopfschmerzen.
Nehmen wir den eigenen Tagesablauf unter die Lupe, kommen wir fast zwangsläufig eingefahrenen Abläufen auf die Spur, die uns mehr Zeit und Konzentration abverlangen als ihnen zusteht. Vermeidet man einige davon, lässt sich der Alltag spürbar entschlacken.

Allgemeines Umdenken findet statt

Erste Maßnahmen gegen die Folgen der Hochgeschwindigkeitsgesellschaft werden bereits mancherorts umgesetzt, beispielsweise in einigen Firmen. Angesichts steigender stressbedingter Krankheitsfälle scheint das auch ein Gebot der Vernunft zu sein. So wird inzwischen in manchen Betrieben der zuvor permanente Zugang der Mitarbeiter zu ihren dienstlichen Emailkonten zeitlich begrenzt, damit diese nicht von zuhause aus bis in die Nacht hinein tätig sind. Anscheinend muss man in dieser Hinsicht manche Zeitgenossen vor sich selbst schützen.

Solche Maßnahmen sind Teil eines gesellschaftlichen Umdenkprozesses. Für immer mehr Menschen ist Lebensqualität mehr als Verdienst aus Erwerbstätigkeit und damit einhergehendem Konsum. An ihre Stelle tritt der Wunsch nach selbstbestimmter Lebenszeit, angemessenem Lebenstempo und Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst und anderen. Das reduziert Stress und bringt Entschleunigung. Schlechte Karten für Kopfschmerzen.

  • Quellenangaben
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    • https://www.zeit.de/karriere/beruf/2012-08/multitasking-gehirnleistung Multitasking – Alles gleichzeitig funktioniert nicht Autorin: Tina Groll
    • Harald Neumeyer: Der Flaneur, Internetlink: https://books.google.de/books?id=dxjdAt41XpcC&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_atb#v=onepage&q&f=false
    • zuletzt abgerufen 2.9.2019